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Mittwoch 18. Juli 1990:
METEORA KLÖSTER


Nach der Nacht in einem kühlen Zimmer spüre ich alle Lebensgeister wieder, die gestern Abend schon verloren schienen. Nun bin ich kaum zu halten und stürme hinaus in die Sonne um den Weg zu den Klöstern zu suchen. Kalambaka ist ein kleiner Ort. Er wird eindrucksvoll überragt von wuchtigen, senkrecht in den Himmel weisenden Felstürmen, die sich wie steinerne Riesenfinger unmittelbar am Ortsrand plötzlich aus der ebenen Landschaft erheben.

Ein paar hundert Meter außerhalb des Ortes finde ich einen idealen Standpunkt um das Panorama dieser einzigartigen Landschaft zu genießen. Die hochragenden Felsen sind ein wunderbares Naturschauspiel. Alleine dafür hätte sich die Reise hierher schon gelohnt. Es gibt aber noch viel mehr zu bewundern.

 
   
Der kleine Ort Kalambaka wird eindrucksvoll überragt von wuchtigen Felstürmen.

Bereits im neunten Jahrhundert kamen Christliche Mönche in diese abgelegene Gegend, um in den vielen Höhlen der senkrechten Felswände als Einsiedler zu leben. Später begannen sie hoch oben, auf den oft nur wenige Quadratmeter großen Enden der gigantischen Riesenfinger Klöster zu bauen. Die Felsen sind bis zu dreihundert Meter hoch und so scheinen diese Bauten mehr am Himmel zu hängen, als mit der Erde verbunden zu sein. Daher nannte man sie „Meteora”, „die am Himmel hängenden”.

Staunend stehe ich vor dieser grandiosen architektonischen Leistung mittelalterlicher Mönche. Selbst heute, mit all unserer Technik, wäre der Bau dieser Klöster ein kühnes Projekt. Lange genieße ich den Blick auf das gesamte Massiv und stelle mir vor wie zurückgezogen, ja geradezu unerreichbar diese Refugien einst gewesen sein müssen.

Heute zeigt mir ein Wegweiser die bequeme Straße in das Felsmassiv. Hinter dem Dörfchen Kastraki führt sie direkt hinauf zu den steinernen Türmen.

Was einst fast unerreichbar war, liegt mir jetzt, nach kurzer Fahrt auf gut asphaltierten Wegen zu Füßen. Strickleitern und Seilwinden, die einziger Zugang zu den Klöstern waren, sind komfortablen Zufahrten und Treppen gewichen. Es ist, als hätte die Zeit alles umgedreht. Einstige Unnahbarkeit erstickt heute in Strömen von Touristen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass diese Landschaft immer noch eine unendliche Würde und grenzenlose Ruhe ausstrahlt.

Vorbei an den ersten Felskegeln, mit deutlich erkennbaren Einsiedlerhöhlen, nähere ich mich einem Parkplatz mit einem Treppenaufgang. Einige Besucher, die zwischen ihren Autos und den Stufen hin und her gehen, bringen mich auf den Gedanken, dass es sich um eine Sehenswürdigkeit handeln könnte, die ich mir vielleicht auch ansehen sollte. Die kunstvoll gemalte Holztafel sagt in großen Buchstaben: „Aufgang zum Rousanou Kloster”.

 
   
Zum Eingangstor des Roussanou Klosters gelange ich nur über einen schmalen Brückensteg.

Beim Emporsteigen der vergleichsweise bequemen Betonstufen stelle ich mir vor, wie es früher war, als dieses Kloster, wie alle anderen, noch keine Treppen hatte. Die senkrechte, mit großen Überhängen versehene Steilwand, verlangte von den damaligen Besuchern beim Aufstieg neben Schwindelfreiheit auch eine Menge Gottvertrauen. Ein Glück, dass es heute so bequem geworden ist, sonst würde ich nie eines dieser Klöster besuchen können.

Nach vielen Stufen und einigen Wendungen bin ich endlich oben angekommen. Trotzt aller modernen Verbesserungen bleibt mir jetzt eine kleine Mutprobe nicht erspart. Zum Eingangstor gelangt man nur über einen schmalen Brückensteg, der über eine tiefe Schlucht zum Hauptfelsen führt. In der Mitte der Brücke ist eine der querliegenden Holzbohlen zur Hälfte herausgebrochen und gibt den Blick in die Tiefe frei. Generell mutet die ganze Konstruktion sehr griechisch an. Das heißt, sie sieht ziemlich baufällig aus und ich muss allen Mut zusammennehmen, um so schnell wie möglich hinüberzugehen.

Nach der Entrichtung des Eintrittsgeldes öffnet sich mir ein großer Innenhof um den, wie um einen Dorfplatz, verschiedene Gebäude angeordnet sind. Alles ist mit Besuchern angefüllt, die mit großem Interesse jeden Winkel unter die Lupe nehmen. Dieses Kloster wird von Nonnen bewohnt, doch außer an der Kasse, und im kleinen Andenkenladen sieht man nichts von ihnen. Wer weiß, wohin sie sich während der Öffnungszeiten zurückgezogen haben. Mit einem halben Jahrtausend adlergleicher Einsamkeit ist es jetzt, jedenfalls von neun bis achtzehn Uhr, vorbei.

Ich wende mich der kleinen Kirche zu und stelle in ihrem Inneren fest, dass sich der Aufstieg gelohnt hat. Goldene Leuchter, reich verzierte Ikonen und vor allem die über und über mit Fresken bemalten Wände machen diese kleine Klosterkirche zu einem prachtvollen Gotteshaus. Bis in die hohe Kuppel hinein leuchten mir in kräftigen Farben gemalte Bildergeschichten aus dem Leben der Heiligen entgegen. Ein vierhundert Jahre alter Comic-Strip, dessen Farben bis heute von erstaunlicher Frische sind. Vielleicht sind sie so gut erhalten, weil der Smog Athens noch weit ist. Aber wie lange noch? Ein für meine Körpermaße ziemlich enger Chorstuhl ist der richtige Platz, um die ganze Pracht noch eine Weile auf mich wirken zu lassen, bevor ich mich wieder an den Abstieg zu meinem Auto mache.

 
   
Am Ende der Straße liegt, wie eine wehrhafte Burg, das Kloster des Heiligen Stefanou.

Etwa einen Kilometer weiter schiebt sich eine Felsnase, die von der Straße aus nur zu Fuß zu erreichen ist, weit über den Abgrund. Schnell bin ich dort und setze mich so nahe wie möglich an die Kante. Es ist ein herrlicher Ausblick. Fast habe ich das Gefühl, frei wie ein Vogel zu fliegen. Das unendliche Rund der Thessalischen Ebene versinkt tief unten im Dunst des warmen Sommertages. Abgrund und Himmel verschmelzen zur Einheit. In mir steigt ein tiefes Gefühl von Ruhe und Erhabenheit auf. Eine Ahnung meines eigenen Einsseins mit diesem großen, wunderbaren Kosmos. War diese Stimmung der Grund, warum vor mehr als tausend Jahren die ersten Mönche diesen Platz erwählten, um zu sich selbst und zu Gott zu finden?

Lange sitze ich in Gedanken und Gefühlen versunken und bemerke kaum die vielen anderen Touristen um mich herum, die sich genauso wie ich an diesem Anblick erfreuen. Es wäre ein Platz, um stundenlang auszuharren.

Doch mein Besichtigungsdrang treibt mich weiter zum nächsten Kloster. Am Ende der Straße liegt das Moni Agiou Stefanou. Es ist ein großes Kloster und laut Reiseführer soll es hier interessante Reliquien zu sehen geben. Zuerst sehe ich jedoch die große Menschenmenge, die hier vor dem Tor auf Einlass wartet. Mit einer Spontanheit die sonst nicht meine Stärke ist, beschließe ich, dass es reichen muss nur eines der Meteora-Klöster auch von innen besucht zu haben.

Von Kultur alleine wird man nicht satt und so spüre ich immer deutlicher, dass mich mein Magen um eine Mittagspause bittet. Im Dörfchen Kastraki lässt es sich gut speisen und mir scheint, als schmecke nach so viel Naturschönheit der Wein besonders gut.

 
   
Wie haben es die Einsiedlermönche im Mittelalter bloß geschafft in diese Höhlen zu kommen?

Am Nachmittag zieht es mich wieder hinauf in den steinernen Wald. Diesmal verlasse ich die bequeme Touristenstraße und erneut kommt der Vierradantrieb meines Geländewagens zum Einsatz. Über schmale Eselspfade wühle ich mich bis an die verlassenen Höhlen der Eremiten heran. Den ganzen Nachmittag streune ich hier herum und durchforsche einige, der ohne zu klettern erreichbaren Höhlen, bis die langsam untergehende Sonne mich schließlich mahnt den Rückweg anzutreten.

Ein gemütliches Abendessen, auf dem von Restaurants umringten Platz, in der Mitte Kalambakas, scheint mir ein würdiger Ausklang für diesen erlebnisreichen Tag. Während sich hoch über uns die Mönche in ihr stilles Abendgebet versenken wird hier unten alles zur turbulenten Fußgängerzone. In den Restaurants gibt es nur noch wenige freie Plätze und um die Souvenirläden drängen sich die Touristen. Und wie überall am Mittelmeer hat die Kühle der Dunkelheit nun auch die Kinder auf die Straße gelockt, die sich mit Fußball und Nachlaufen die nötige Müdigkeit für die Nacht erspielen



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